Ended Oct 31

Nicola Samorì

In Abisso

Sep 3 – Oct 31, 2020

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Nicola Samorì’s relationship to the sources of his pictures is suffused with a continuous grappling with the history of visual art – not didactic, but substantive. His work as a painter and sculptor necessarily implies confrontation with this legacy, which nowadays is all too often regarded as unwieldy ballast. Samorì has no fear of the past or of his predecessors. He takes possession of them as role models and uses them to traverse the necessary path of knowledge and self-knowledge, using them as instruments to deconstruct their language and to found his own poetics.

The suggestive power of an art-historical icon can be so great that it is reworked again and again over the centuries; each work becomes a building block that gradually loses every component of recognizability, increasingly becomes one with its respective creator, and moves ever further away from the original work. (...)

In the exhibition’s painterly works, Nicola Samorì works with the natural flaws in marble and onyx slabs, with cavities, geodes, and aggregates in the material. The figures in his pictures fit these flaws, rather than hiding them; sometimes these imperfections are repurposed as eyes, sometimes they dissolve into blossoms or faces, and sometimes they imitate nipples. The motifs develop out of a physical defect or deficiency and often point to the martyrdom of biblical or art-historical figures: Lucretia, St. Lucia, or St. Jerome. And when the raw material is flawless, as in the case of Santa Lucia in white Carrara marble, then it the artist who, with his processing, inserts a disruption or anomaly: as in a surgical intervention, he implants natural geodes in the material’s eye sockets. The act that blinds the picture opens the gaze of those who view it – for new interpretations of the canon.

Excerpt from a text by Chiara Stefani

Translation from the Italian by Sabine Heymann

*****

Die Beziehung Nicola Samorìs zu den Quellen seiner Bilder ist durchdrungen von einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der bildenden Kunst, nicht lehrhaft, sondern substanziell. Die Arbeit als Maler und Bildhauer impliziert notwendigerweise die Konfrontation mit diesem Erbe, das heutzutage nur allzu oft als sperriger Ballast wahrgenommen wird. Samorì hat keine Angst vor der Vergangenheit und vor seinen Vorgängern. Er nimmt sie als Vorbilder in Besitz und nutzt sie, um einen notwendigen Weg der Erkenntnis und Selbsterkenntnis zu durchlaufen, benutzt sie als Instrumente, um ihre Sprache zu dekonstruieren und eine eigene Poetik zu begründen.

Die Suggestionskraft einer kunsthistorischen Ikone kann so stark sein, dass sie über die Jahrhunderte immer wieder neu bearbeitet wird, jedes Werk zu einem Baustein wird, der nach und nach die Elemente der Wiedererkennbarkeit verliert, immer mehr mit seinem jeweiligen Urheber eins wird und sich immer weiter vom Ursprungswerk entfernt. (...)

In den malerischen Arbeiten der Ausstellung arbeitet Nicola Samorì mit den natürlichen Fehlstellen in Marmor- und Onyxplatten, mit Aushöhlungen, Geoden und Aggregaten im Material. Die Figuren in seinen Bildern passen sich diesen Fehlstellen an statt sie zu kaschieren, mal werden sie zu Augen umgewidmet, mal lösen sie sich in Blumenblüten oder Gesichtern auf, dann wieder werden Brustwarzen nachempfunden. Die Motive entwickeln sich aus einem physischen Mangel oder einem Defekt der Natur und verweisen oft auf die Martyrien biblischer und kunsthistorischer Figuren: der Lukrezia, der Heiligen Lucia oder dem Hieronymus. Und wenn das Ursprungsmaterial makellos ist, wie im Falle der Santa Lucia in weißem Carrara-Marmor, dann ist es der Künstler, der dort mit seiner Bearbeitung einen Störfaktor, eine Anomalie einbaut: Wie bei einem chirurgischen Eingriff implantiert er natürliche Geoden in die orbitalen Hohlräume des Materials. Der Akt, der das Bild blendet, öffnet den Blick desjenigen, der es betrachtet für Neuinterpretationen des Kodex.

Ausschnitt aus einem Text von Chiara Stefani

Übersetzung aus dem Italienischen von Sabine Heymann

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